Gitano … wie ein spanisches Pferd in die Oberlausitz findet! – Teil 4

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So einfach ist es nicht!

Tja, liebe Freunde – Eigentlich sollte in Teil 3 alles gesagt sein und hier sollten jetzt wunderschöne Fotos von einem willig unter dem Sattel gehenden Pferd zu sehen sein. Ganz schicke Fotos mit Hintergrundunschärfe, nem romatischen Touch, einer freudestrahlenden Reiterin und einem in Hengsthaltung posierenden Wallach 😉
Aber so einfach ist es nicht! Doch spulen wir mal 3,5 Monate zurück.
Die Silvesternacht überstand Gitano völlig unbeeindruckt – total cool nahm er, vorsorglich mit einigen Baldrian-Pillen beruhigt, das Spektakel um sich herum zur Kenntnis.
Die Freundschaft zu unserem Pony Cliff hat sich gefestigt. Die beiden kommen sehr gut miteinander klar uns freuen sich richtig, wenn einer von beiden aus dem Training zurück kommt. Naja, meistens freut sich Gitano, wenn Cliff zurück kommt, denn Gitano wollte irgendwann nicht mehr so richtig laufen und zeigte fühlige Hufe vorn und hinten.
Woran lag das? Wir ließen Ende des Jahres die Eisen abnehmen. Der Schmied schnitt noch etwas aus – doch zu viel, wie sich bald heraus stellte, denn die Hufe unter den Eisen waren eh schon sehr flach und hart mit sehr flacher und unflexibler Sohle.
12604851_503939993118558_6908364226938529997_oTrotzdem gingen wir mit ihm spazieren, denn sobald wir den steinigen Weg, dem er stets auf der Wiese auswich und dem etwas brüchigen Asphalt hinter uns hatten, ging er meist völlig problemlos mit uns mit und im Gelände war er regelrecht mutig und neugierig. Doch irgendwann, klappte auch das nicht mehr so recht und auch auf dem Platz fing er „zu kämpfen“ an – mit Recht, wie sich später heraus stellte. Also bestellten wir den Tierarzt.
Der Tierarzt und die später noch hinzugezogene Hufpflegerin bestätigten, dass die Hufe ansich okay sind, allerdings durch den Dauerbeschlag (der in Spanien üblich ist und üblicherweise auch oft noch schlecht) etwas außer Form geraten sind und sich über einen längeren Zeitraum regenerieren müssen. Gitano würde große Schmerzen auf allen unebenen Flächen haben – selbst auf der Wiese und dem Platz würde er gelegentlich Schmerzen bekommen, immer wenn er durch das weiche auf einen spitzen Stein trifft. Hufschuhe wären gut – also haben wir ihn rundum neu besohlt.
Gleichzeitig nahmen wir ihm jeglichen Druck – es wurde nicht mehr getrieben, wenn er mal nicht lief. Er nahm es dankbar an und ging wohl in eine Art „Selbstfindungsphase“ bzw. schien er erst jetzt zu registrieren, was eigentlich mit ihm passiert ist, wo er sich jetzt befand und was für komische Sachen seine neuen Menschen von ihm wollen.
Er bekam plötzlich regelrechte Panik vor der Gerte, fing richtig an zu schlottern – irgendwie kam ein älteres Trauma zum Vorschein und durch irgendeinen Fehler unsererseits schienen wir das ausgelöst zu haben.
Uns war klar, dass er ein „besonders schwieriges“ Pferd ist. Wir haben uns schon ernsthaft gewundert und natürlich auch gefreut, wie problemlos er sich hier eingelebt hat und wie gut er bei allem, was wir von ihm wollten, mitgemacht hat. Doch wir haben etwas übersehen – er hat seine Schmerzen gut unterdrückt um kooperativ zu sein und uns ist nicht aufgefallen, wie sehr er sich gequält hat und haben deshalb immer mehr gewollt und irgendwann ganz offenbar zu viel :-(

Ab Februar gab es deshalb von unserer Seite aus eine völlig neue Herangehensweise. Mandy fordert von ihm sehr viel weniger, gibt ihm viel mehr Zeit, holt ihn immer da ab, wo er von seiner Tagesverfassung her gerade steht und macht durch positive Verstärkung das beste aus dem, was er anbietet. Da mussten wir uns doch arg umstellen, denn ein Pferd, das gelegentlich einfach so stehen bleibt und sich kein Stück rührt, ist für uns völlig neu 😀
In kleinen Schritten bessert sich sein mentaler Zustand. Es scheint gelegentlich eine Art telepatische Verbindung zwischen den beiden zu geben. Wenn sie seine Aufmerksamkeit richtig bei sich hat, scheint er zu wissen, was Mandy machen will und tut das dann einfach.
Komischerweise erschreckt er sich nun vor Dingen, die er eigentlich „schon kennt“ – den Bach, vorbeiflitzende Autos auf der entfernten Straße, Menschen in Entfernung … wir gehen davon aus, dass er seine Unsicherheit einfach unterdrückt hat und nun durch die schmerzenden Beine noch andere kleine mentale Problemchen auftauchen, die er bislang vor uns versteckt hat. Denn wenn man mal so drüber nachdenkt, ist so ein Pferd ja auch nur ein Mensch. Wer zeigt schon Fremden gegenüber seine Unsicherheiten? Macht kein Mensch – macht auch kein Pferd. Es ist ein Vertrauensbeweis von ihm, dass er uns nun seine Unsicherheiten zeigt. Es liegt nun an uns, richtig damit umzugehen und ihn mental so aufzubauen, dass er irgendwann dauerhaft das zeigt, was er nun ab und zu ansatzweise aufblicken lässt – nämlich dass er ein wunderschöner stolzer Spanier ist, der sich so richtig hengstig und stolz bewegen und präsentieren kann!

13301512_556078874571336_810876303839551245_oTrotz seiner Unsicherheiten und unserer Fehler muss ich sagen, dass sich das Verhältnis zwischen Gitano und Mandy sehr deutlich verbessert. Er hat uns das nicht krum genommen. Er orientiert sich derzeit in vielen Situationen sehr stark an ihr – gut, manchmal entscheidet er sich aber auch, auf der Stelle zu galoppieren, weil er nicht weiß, wie er mit dem neuen Schreckgespenst, das er gerade wieder entdeckt hat, sonst fertig werden soll. Doch er beruhigt sich in kurzer Zeit wieder und schaut dann letztendlich nach, wie Mandy mit der „schrecklichen Situation“ umgeht, die meist „natürlich“ (aber in letzter Zeit tatsächlich ohne Schauspielerei) völlig unbeeindruckt davon bleibt – also Puls wieder runter. :-)
In seiner gewohnten Umgebung bleibt er meist völlig gelassen und weicht ihr oft nicht von der Seite.  Man könnte fast sagen, dass sich ein grundlegend neues Vertrauensverhältnis zwischen den beiden entwickelt – sie haben beide entschieden, einige Gänge zurück zu schalten, „Fehler“ und Unsicherheiten zuzulassen und zu verarbeiten, anstatt einfach „drüber zu drücken“ und sie geben sich beide mit kleinen Fortschritten zufrieden und nehmen sich einen schlechten Tag nicht krumm.
Als Beobachter muss ich ganz ehrlich sagen, dass ich das für den richtigen und deutlich besseren Weg halte. Ich denke, dass Gitano einfach jetzt die Zeit und Ruhe braucht, die er anfangs nicht bekommen aber gebraucht hat.
Wir lernen gerade alle sehr viel voneinander. Vor allen Dingen lernt Mandy, sich nun endlich auf ihr Gefühl zu verlassen und sich nicht immer wieder von anderen verunsichern zu lassen. Meiner Meinung nach hat sie ein extrem gut ausgeprägtes Gefühl für die Bedürfnisse ihrer Tiere, allerdings ließ sie sich auch immer wieder davon abbringen, denn es gab so viel schlauen Input von rechts und links … 😉
Naja … alles auf Anfang, alles von vorn.

13268460_556432884535935_1661865202852770781_oApril 2016: JA! Es wird! Es ist der richtige Weg! Gitano kann nun fast schon perfekt das Kompliment, denn wenn er es gut macht, gibts lecker Möhrchen. Er vertraut Mandy nun auch so stark, dass er sich neben ihr hinlegt. Er liebt lange Waldspaziergänge und wird sicherer und aufmerksamer, je weiter er sich von Spuren der Zivilisation entfernt. Er wird im Wald regelrecht mutig und neugierig – er wird 100% mal ein richtig richtig gutes verlässliches Geländepferd!
Wir haben schon gemerkt, dass er sich in seiner derzeitigen Umgebung nicht so wirklich wohl fühlt und entspannen kann – kein Wunder, so richtig harmonisch ist es zwischenmenschlich in diesem Hof nicht. Die Pferde merken das. Naja, kommt Zeit, kommt Rat! 😉

13217156_551936288318928_1380424319936671097_oImmernoch April 2016: Er bekommt gerade sein Selbstbewusstsein wieder. 😀
Jetzt kann es also wieder mit Training los gehen – diesmal aber mit einem weniger schweren Fuß auf dem Gas! 😉

…bald geht es hier weiter – mit Fotos und so 😉

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